Dienstag, 31. Juli 2012

Schwimmen lernen (1965)

Ich mit Schwimmreifen im sehr niedrigen Becken plantschend.
Bevor ich schwimmen konnte, plantschte ich im Freibad im Fußbecken, das nur einige zehn Zentimeter tief war und das Schwimmbecken umrahmte, damit man, von der Wiese kommend, keinen Dreck ins Schwimmbecken trug. Im eigentlichen Schwimmbecken machte mir die Bodenlosigkeit Angst.

Ich war schätzungsweise 4,5 Jahre alt, als ich mir dennoch das Schwimmen im tiefen Wasser beibrachte.

Und zwar stand ich psychisch unter Druck, das zu tun. Im tiefen Becken klammerte ich mich, trotz einer Styropor-Schwimmhilfe, die um meinen Bauch gebunden war, stets an meine Mutter und die zeigte immer auf andere, die das nicht mehr taten und selbständig schwammen und an denen ich mir ein Beispiel nehmen sollte. Man wollte mich also loswerden und ich wurde mit anderen verglichen. (Die ich übrigens deshalb nicht leiden konnte.) Was lag da näher, als mir baldmöglichst in geschütztem Rahmen das Schwimmen beizubringen?

Das konnte ich vermutlich zwar nicht denken, aber das Denken ist ja eh nur die eigenkommunikative Verarbeitung der (in eine enge Form gepressten) Wahrnehmung von Antrieben und nicht etwa die Ursache für die Antriebe.

An einem kalten Tag (der Sommer war wohl eigentlich schon vorüber) packte ich jedenfalls unvermittelt meine Schwimmsachen, griff mir einen Schwimmreifen und marschierte zum Schwimmbad, ohne das jemandem mitzuteilen. Vermutlich war mir klar, dass keiner sonst da sein würde. Ich schätze, dass meine Mutter mir bei schlechtem Wetter schon mal geantwortet hatte, dass es zu kalt sei und dann keiner ins Freibad ginge. Zumal das Wasser nicht beheizt war.

Übrigens war ich noch nie allein dort hingegangen und ich musste dazu auch eine gefährliche Straße überqueren, was ich gar nicht allein durfte und wozu ich - außer an diesem Tag - auch noch gar nicht in der Lage war. Ich lief da tiefengesteuert lang und erreichte mit der Sicherheit eines Schlafwandlers mein Ziel.

Das Freibad gehörte zu einer Außenanlage eines Sportvereins, in dem wir Mitglied waren. Normalerweise saß am Eingang jemand und kontrollierte Mitgliedskarten. Da es aber kalt war und niemand erwartet wurde, saß da jetzt keiner. Ich war tatsächlich die Einzige auf dem Gelände. So kam ich, trotz meines extrem geringen Alters, ohne Begleitperson bis zum Schwimmbecken durch und konnte dort meinen intuitiven Plan ausführen.

Und zwar überwand ich erstmal meine Angst und ging mit voll aufgeblasenem Reifen ins tiefe Wasser und hielt mich da am Rand fest. Dann hangelte ich mich zur Ecke des Beckens und begann da über Eck Schwimmbewegungen zu machen. Der Reifen behinderte die Armbewegungen zwar reichlich, aber ich fand in eine Position, die das minimierte. Je sicherer ich mich fühlte, umso größer wählte ich den Abstand zur Ecke. Irgendwann begann ich, Luft aus dem Reifen zu lassen. Nach und nach, in langsamer Folge, immer mehr, war der mittlerweile voll bewusste Plan. Das gelang mir aber nicht so punktgenau. Das erste Mal Stöpselziehen war schwer und dabei entwisch viel zuviel Luft. Ich pustete wieder welche rein, aber sie ging auch gleich wieder raus, beim Gefummel, den Stöpsel wieder rein zu stecken. Das machte mir Angst, aber da musste ich jetzt durch, also rückte ich wieder eng an die Ecke und versuchte erneut, die Abstände langsam zu erhöhen. So machte ich das auch nach jedem weiteren Schritt, bei dem ich Luft aus dem Reifen gelassen hatte. Zuletzt zog ich dazu den mittlerweile luftleeren Reifen ganz aus.

Als ich so schon eine Weile über Eck (eigentlich mehr gehuscht als) geschwommen war, tauchte meine nächst ältere Schwester mit Panik-verzerrtem und Tränen-überströmtem Gesicht am Beckenrand auf. Was ich da machen würde, fragte sie, und sicher hat sie noch einiges mehr gesagt, das ich aber nicht allzu sehr wahrgenommen habe. Statt dessen rief ich freudig: "Guck mal, ich kann schwimmen!" und huschte ihr was vor.

"Ja toll, aber du kannst doch nicht einfach ..." und von Sorgen hat meine Schwester dann einiges gesagt und von Kälte und Gesundheit. Aber ich war einfach nur stolz auf mich und froh, dass ich das Thema "Schwimmen lernen" vom Tisch hatte.

Bei späteren Schwimmterminen (vermutlich erst im nächsten Sommer) gab es zwar immer noch das Problem, dass ich mich erstmal nur an einer Ecke mit zwei bis fünf hektischen Schwimmzügen über Wasser halten konnte, aber ich hatte nun eine gute Grundlage und lernte schnell weiter und vor allem hatte ich nun massenhaft Selbstvertrauen. - Nicht nur in Bezug auf's Schwimmen.

Meine Marschroute:


Den Anfangsschlenker nach links habe ich aber nicht gemacht. Ich meine, damals gab es rechts von der Scharnhorststraße eine Ampel.

Ute Ziemes, privat.utez.de,

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