Montag, 7. Dezember 2015

Tsunami (1970)

In meiner Kindheit fuhren wir in manchen Sommern nach Holland. Einmal, schätzungsweise 1970, gab es da einen Mini-Tsunami. Da hatte sich das Wasser zuerst ungewöhnlich weit zurück gezogen und dann kam es mit haushohen Wellen und ungewohnter Wucht irgendwann zurück. Der ganze (sonst sehr breite) Strand war da plötzlich weg und alle waren auf die Dünen zurück gedrängt. Eine handvoll großer, besonders kräftiger Männer stürzte sich dennoch wagemutig in die Fluten. Ich schaute sehnsuchtsvoll dabei zu. Meine Mutter zu mir: "Geh doch auch rein." Ich war noch in einem Alter, in dem man glaubt, dass man alles kann, was man ausdrücklich erlaubt bekommt, besonders von der Mutter. Ich wunderte mich zwar, weil ich selbst das anders eingeschätzt hatte... Aber nun ging ich rein. Doch schon die erste Welle machte mit mir Fliegengewicht, was sie wollte. Ich wurde unter Wasser gedrückt, dort rumgewirbelt und ewig lang mit dem Gesicht über den Muschelsplitterboden geschleift und drohte zu ertrinken. Ich habe mich nur mit Mühe befreien können. Ich sah dann schlimm aus. Meine Mutter hatte aber keinerlei Not bemerkt und erzählte noch lange stolz davon, dass nur die Stärksten in's Meer gegangen wären - und ich. Ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass ich mich nur auf meine eigenen Einschätzungen verlassen konnte.

Ute Ziemes, privat.utez.de,

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