Wer ich bin

Aktuell

Aufgrund stark ausgeprägter Erschöpfung, die bei mir ein Symptom einer Multiplen Sklerose ist, bin ich nur noch eine Minimalausgabe derjenigen, die ich mal war. Da ich kaum noch leben und hauptsächlich schlafen muss, kann mein aktuelles Persönlichkeitsprofil aus fast nichts mehr bestehen. Zumindest kann ich das, was das Leben aktuell von meiner Persönlichkeit abruft, nicht mehr im Vergleich zu Menschen, die mitten in ihrem Leben stehen, beschreiben.

Es handelt sich nicht um einen vorübergehenden Zustand , sondern um ein Sterben über einen vermutlich langen Zeitraum. Sterben ist aber auch Leben, weil man noch nicht tot ist, deshalb stehe ich nun vor der Herausforderung, meine Person innerhalb dieser Situation abgrenzend zu beschreiben.

Noch kann ich es nicht. Aber ich nehme die Herausforderung an und werde vielleicht einestages hier eine aktuelle Beschreibung mitteilen.

Letzte Version der Selbstdarstellung, die bis zum Alter von max. 50 stimmig war:


Aussehen
1961, Wasserfrau, 165 cm, Statur sportlich, heller Typ. Von schön über geht so bis hässlich kann ich jede Ausstrahlung haben. Man kann mir immer ansehen, wie ich mich fühle oder was in mir vorgeht. - Ansonsten bin ich seit ein paar Jahren heftigstem Wandel unterworfen. Krankheit, Therapien, Verschleiß, Hormonmangel form(t)en mich, wie es ihnen beliebt(e). Selbst meine ganz eigene Energie, an der ich mich im Zweifelsfall erkenne, blieb eine zeitlang auf der Strecke.
Gemüt
Eine Mischung aus Humor und Ernst sowie Güte und Dynamik zeichnen mich aus. Mit Liebe und Freundschaft kann ich gut umgehen. Ich kann gesellig sein und unterhaltsam, wenn meine Umgebung mich mag. Ich kann vieles gut, aber tue etliches nicht gern. Ich habe gerne meine Ruhe oder mache Wesentliches. Ich bin auffallend selbstsicher und präsent, zugleich aber kein Gewinner-Typ. Ich hasse Gerangel und suche mir lieber freie Plätze. Die sind jedoch in der Regel nicht attraktv; denn sonst würde ja drum gerangelt. Ich freue mich über jeden guten Menschen, der mir begegnet.
Leistung
Ich bin leicht zu motivieren, verstehe schnell, entwickle spontan Interesse, bin idealistisch, engagiert, verantwortungsbewusst und habe Durchhaltevermögen. Daher kann ich meistens auf Disziplin verzichten, die mir eher wesensfremd ist. Meine besonderen Fähigkeiten sind eine außerordentlich gute Regelerkennung sowie Sebstbewusstsein und Empathie.
Alter
Mit 37 schaltete meine innere Uhr auf die erste Alterungsphase. Das war eine Woche lang Schock. Aber dann ging es wieder. Ich musste mich damit abfinden, dass man nicht zurück kann, sondern nur nach vorne und ich musste erkennen, dass dort etwas kommt, das man sich vorher nicht vorstellt. Wichtigste Erkenntnis zu dem Wechsel: Vieles, womit ich mich vorher identifiziert hatte, ist vergänglich. Interessanteste Erlebnisse: Wie ich aussehe und mich anfühle, ändert sich auffallend. Es ist von ganz anderer Art als zuvor, zunächst ungewohnt, aber auch gut. Das Bewusstsein hat ebenfalls einen Sprung gemacht und eine neue Qualität erhalten. Ich spüre außerdem jetzt deutlicher als jemals zuvor, dass mein Leben endlich ist, aber auch, dass ich jetzt hier bin und es lebe.
Gesundheit
Mit 44 erfuhr ich, dass ich Brustkrebs habe. Ein Jahr Qualen, sechs Jahre erhöhter Lebensbedrohungsstatus, und um zehn Jahre auf einen Schlag altern stand mir bevor. Jetzt, mit 46 bin ich also quasi 56 und gehöre zu dem Drittel Frauen, das erhebliche Wechseljahrsbeschwerden hat.
Abgebaut habe ich also bereits kräftig. Das war für meinen Geschmack jetzt erstmal abenteuerlich genug.
Liebe
Ich hatte vielerlei Beziehungen, längere und kürzere, weniger oder sehr intensive. Ich habe geliebt und wurde geliebt. Wenn ich allein bin, unterhalte ich mich gut. Lachen und Glücksgefühle steigen zuweilen einfach so in mir auf. Zwar mag ich romantische Liebe sehr, lebe jetzt aber schon einige Jahre ohne, weil das Passende nicht da ist und ein Ersatz mich nicht interessiert. Diese Entscheidungsfreiheit hatte ich früher nicht und sie fühlt sich gut an. Für Nähe muss ich jedoch sorgen, ohne geht's nicht.
Soziales
Vieles gefällt mir nicht, wie es ist. Macht-, Besitz- und Geldgier gestalten die Welt im Großen wie im Kleinen. Und Dummheit und Trägheit machen es möglich. Seit ewigen Zeiten sind die Motive der meisten Beteiligten hässlich und rückständig. Ich bin oft entsetzt. Bestenfalls kann ich trauern. Gäbe es nicht Inseln des sozial Schönen, dann wäre ich untröstlich.
Als ich mich im Verlaufe einer Chemotherapie verdammt nah in Richtung Tod geschoben fühlte und inmitten einer Elendsphase draußen rumlief, nahm ich plötzlich für einen Moment ausschließlich die Instinkte der Leute wahr, die da rumwuselten. Zu dem Zeitpunkt war mir egal, wie scheiße das ist, was dabei rauskommt, das war menschliches Leben und ich wollte das auch.

Eindrücke:

Wer-ich-bin-Collage_1
Spaltenweise von oben nach unten:
2 mit Schokoladenmund und Dreck überall
20er Kuss
Führungsbewertungen in der Grundschule: schlecht und gut
30 mit halblangen Haaren, von denen man aber nur den Pony sieht
41 mit langen Haaren
Plan für 50-60: Fit und sexy wie eh und je mit langen grauen Haaren
Tatsächlich scheint's aber eher so zu werden: Unsexy demoliert mit kurzen hellbraunen Haaren undefinierbarer Konsistenz.


Ute Ziemes (utez.de), Erste Version veröffentlicht 2001