Vor meiner Geburt war es aufregend: Meine Mutter badete mit mir heiß, sprang mit mir aus schwindelnden Höhen und schlug mit mir Rad. Es war immer etwas los. Aber festhalten musste ich mich. - Ach, Mutter war schon eine. - Ich kam dann aber doch erst an einem Rosenmontag zur Welt.
Hier die liebevoll-umfangreichen Eintragungen in meine Wiegekarte:
Was alle gleich nach meiner Geburt erkannten: Ich war sehr schlau. Deshalb erhielt ich das außergewöhnliche Privileg, vollkommen getrennt von meiner Mutter für 12 Wochen in einem Gitterbett, das in einem großen Saal neben unzähligen weiteren Bettchen und Genies darin stand, Einsamkeit und ohnmächtige Verzweiflung studieren zu dürfen. Vielen Dank übrigens dafür. Man bedankt sich ja zu selten.
Im Alter von 5 Wochen machte ich einen tollen Ausflug. Man hob mich außerhalb des üblichen Zeitplans aus meinem Studierzimmer, zog mir ein viel zu langes Kleid an, umringte mich und goss mir irgend etwas auf den Kopf. Im Gesamtzusammenhang betrachtet, schätze ich, muss das die letzte Ölung gewesen sein, die wohl Studierende vorsichtshalber erhielten. Danach ging's zügig zurück, Kleid aus, Windel für mehrere Semester an, weiterstudieren. Die ersten Monate sind ja schließlich die wichtigsten. Da darf man nicht trödeln.
Alle halfen mir beim Studium. Mit 6 Wochen wollte ich in einem Anfall von Selbstsucht mein Studium schmeißen. Als wäre dies nicht schon undiszipliniert und undankbar genug, trug ich mein Anliegen auch noch unangemessen aggressiv vor. Das warmherzige Personal war jedoch so gütig und drückte beide Augen und Ohren zu. Und nach der Operation des Leistenbruchs, den ich mir geschrien hatte, nahmen sie mich, ohne auch nur das geringste Aufsehen um meine Unvernunft zu machen, sofort wieder in ihrem Studienbetrieb auf. Wow, so viel Unterstützung vergisst man nicht!
Meine Eltern waren offenbar ausgefuchste Pädagogen. Als ich dann nämlich in der 13. Woche nach Hause kam, sorgten sie dafür, dass ich nicht durch plötzliche Aufmerksamkeit verschreckt und meine Studienerfolge nicht gefährdet wurden. Fotos gibt es in den ersten zwei Jahren deshalb nur von meinen Schwestern.
Ab 2 musste ich aber ein normales Leben leben. Man gab mir deshalb einen Löffel und ließ mich damit allein. Obwohl ich beim Essen viel zu selten meinen Mund getroffen hatte, wurde ich noch akzeptiert, wie ich dann eben war.
2, mit meinem Onkel:
Sie wussten es vielleicht nicht: Liegt ein Fahrrad in einer schrägen Position auf sandigem Untergrund und man betätigt seine Kurbel, dann kann man ganz doll Sand schleudern. Dumm ist, wenn man dabei erwischt wird und man nicht genau weiß, ob das vielleicht verboten sein könnte. Man muss dann schnell die Hände wegziehen und so tun, als hätte man nichts gemacht und nur davor gesessen.
Nun gut, die Kurbel war es nicht, man wirft mir vielmehr vor, ich hätte Schokolade gegessen und mich schmutzig gemacht. Was soll ich dazu sagen? Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne, ihr Banausen!
Manchmal hatte ich echt Lust abzuhauen.
Sonntags, ohne Eltern:
Aber dann dachte ich wieder an unsere Untermieterin. Sie war warmherzig, feminin und umgeben von einer tollen Aura. Und in ihrem Bett hatte Schlafen einen wohltätigen Zauber.
Lutschfinger auf Bettdecke gerutscht:
Mit 2,5 entwickelte ich Sinn für Zweckmäßigkeit und Würde. Ich heulte mit aller Verzweiflung, die ich noch aufbieten konnte, wenn ich keine Hose anziehen durfte.
Manchmal mit Erfolg:
Und hier hatte ich mich schon prinzipiell durchgesetzt. (4):
Nur sonntags war noch (Ver-)Kleidertag. Und Karneval sogar mit Lippenstift.
Eine Tante sagte mal: "Du wärst auch lieber ein Junge geworden, was?!" Zum Glück war das keine Frage auf die man antworten musste, ich hätte nämlich dazu nichts zu sagen gewusst. Wie kam sie darauf? Was bedeutete das? Und wieso hatte ich das Gefühl, dass aus diesem kumpelhaft lächelnd großen Gesicht doch gar nichts freundliches kam?
Ich ließ mich jedenfalls nicht beirren.
Und arbeitete später sogar als Kindermodel:
Nach Einsetzen der Pubertät wurde es immer schwieriger, die alten Rollen zu besetzen. Das gleiche galt übrigens für neue Rollen.
Schließlich wurde ich aber zur Miss Felsen gekürt.
Ach nein, stimmt gar nicht, ich arbeitete im Schichtdienst als Loreley.
Hier mit Kolleginnen, die gerade Pause machen:
Leider zerschellte kein einziges Schiff. Weshalb ich in's Wasser ging.
Natürlich stilgerecht:
Ich wurde jedoch gerettet und dann doch noch 20 und 22 und 25 Jahre alt.
Ach ja, mein lesbisches Coming-Out hatte ich zwischenzeitlich. Aber das sieht man ja wohl.
Wie so oft war diese Ausstrahlung aber nur vorübergehend. Ab 27 nahm die Coolness ab. Ich konnte jetzt selber Liebe geben.
Ein letzter reiner Blick.
Dann zeigt sich Anstrengung, Ätze und Schmerz aushalten in meinem Gesicht.
Darüber ein Lächeln oder ein Lachen legen, ist eine ziemlich verknautschte Angelegenheit - und gelingt auch häufig nicht:
Aber nette Anlässe bringen auch hier akzeptable Resultate:
Alles mischt sich oder legt sich übereinander. Nichts geht restlos weg wegen dem was kommt.
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