Mittwoch, 10. Dezember 2014

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? (1967)

Während meiner Kindheit hatte ich ab 6 das Glück, in unmittelbarer Nähe zu einer Spielstraße mit Spielplatz und Wiese und ganz vielen Kindern zu wohnen. Da war fast immer etwas los und man konnte groß angelegte Spiele spielen und Aktionen durchführen, weil es häufig viele Mitspieler gab.

Eines der Spiele, die mir viel Spaß machten, war "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?".

Um das Spiel zu spielen, brauchte man viele Mitspieler, je mehr, umso lebendiger war das Spiel. Wir kamen auch nur dann auf die Idee, es zu spielen.

Wir spielten das Spiel auf dem eingezäunten Spielplatz.
Zwei Parteien standen sich, jeweils am gegenüberliegenden Ende des Platzes, gegenüber. Auf der einen Seite stand zu Beginn nur ein Spieler. Er war der Schwarze Mann. Auf der anderen Seite standen alle anderen Spieler. Der Schwarze Mann rief dann: "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?". Die Gruppe rief zurück: "Niemand!" Dann rief der Schwarze Mann: "Und wenn er kommt?". Die Gruppe rief zurück: "Dann laufen wir!". Daraufhin liefen die Spieler der Gruppe los. Ziel war für sie, auf der anderen Seite anzukommen, ohne vom Schwarzen Mann berührt worden zu sein. Ziel des Schwarzen Mannes war es, so viele Spieler der Gegenseite wie möglich zu berühren, bevor Sie auf der anderen Seite ankamen. Jeder, der berührt wurde, gehörte im nächsten Durchgang zum Schwarzen Mann. Nach jedem Durchgang starteten die beiden Parteien auf der Seite, auf die sie zuvor zugelaufen waren. Weil es immer mehr Schwarze Männer gab, wurde es bei jedem nächsten Durchgang schwieriger, zu entkommen. Sehr viele Durchgänge gab es meist auch nicht. Derjenige, der zuletzt unberührt geblieben war, wurde der nächste Schwarze Mann bei einem Spielneustart. Ewig wurde das Spiel nicht gespielt, aber ein paar mal schon.

In dem Spiel kam lautes Rufen, Rennen, Entwischen und Erwischen vor. Man agierte einzeln und als Gruppe und man musste einen Rollenwechsel vollziehen. Massenhafte Erfolgserlebnisse waren ein weiterer Reiz des Spiels. Man konnte auf beiden Seiten wieder und wieder Erfolge verbuchen, einzeln und/oder als Gruppe. Siegen war (eigentlich) völlig uninteressant. Die Typen, die davon besessen waren, strebten das natürlich trotzdem an. Wenn es ihnen nicht gelang, hatten sie aber kaum Zeit, enttäuscht zu sein.

Das wunderbar kurzweilige an diesem Spiel war, dass dabei niemals jemand ausschied und stets alle in Aktion waren. Das Ende des Spiels läuteten deshalb auch immer diejenigen Kinder ein, die mit weniger Bewegungsfreude ausgestattet waren und denen ruhige Spiele wesensnäher lagen, weshalb sie als erste erschöpft waren.

Ich wusste als Kind nicht, was mit "Schwarzer Mann" gemeint sein sollte. Ein anderes Kind, in dessen Elternhaus wohl die Tradition der Kindereinschüchterung bekannt war, erklärte mir, es wäre ein böser, schwarz gekleideter Mann, der Kindern auflauert. Das erklärte mir die Spielfigur allerdings kaum mehr als zuvor. Ein Mann, der einem beiläufig und schmerzlos und nur ein einziges Mal auf Arm oder Rücken tippt, wenn man in seine Nähe kommt, der war nicht böse.

Egal, das Spiel gefiel mir trotzdem.

"Der Liederforscher Franz Magnus Böhme beschrieb [...] 1897, dass der Begriff [Schwarzer Mann] auf den „Schwarzen Tod“ (die Pest um 1348) zurückzuführen sei. Das würde auch das Spielprinzip folgerichtig erklären: Jeder, der von der Pest befallen wird (im Spiel: angetippt wird), ist selber Träger des „Schwarzen Todes“ und gehört zum Heer des „Schwarzen Mannes“, das die Seuche ausbreitet. " (Quelle: 2014-12-10, https://de.wikipedia.org/wiki/Wer_hat_Angst_vorm_Schwarzen_Mann%3F)

Okay, mit der Erklärung (kindgerecht übermittelt) hätte ich die Spielfigur zwar verstanden, aber es hätte mich geschockt. Ich war von Krieg und Seuche verschont. Ich habe erst im Laufe meines siebten Lebensjahres zutiefst erschrocken begriffen, dass auch ich irgendwann sterben werde.

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Ute Ziemes, privat.utez.de,

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