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Dienstag, 5. Januar 2016

Liste: Erlebnisse

Hier liste ich die Links zu meinen Posts mit den Erinnerungen an Erlebnisse und Erfahrungen, die sonst nirgends zugeordnet werden können.

Erlebnisse




Ute Ziemes, privat.utez.de

Großes Theater (2009)

Ich fahre in der U-Bahn/Stadtbahn. Draußen ist es dunkel. Die Bahn ist gut besetzt. Auf dem Kinderwagenplatz steht ein obdachloser Alkoholiker mit seinem Fahrrad, auf dessen Gepäckträger ein Korb eingeklemmt ist, in dem sich das Hab und Gut des Mannes befindet, sowie eine Flasche Bier, aus der er hin und wieder trinkt.

Er spricht vor sich hin; zuerst leise, dann lauter, dann wieder leise. Das Übliche, was man von obdachlosen Alkoholikern in der Bahn erlebt. Er hier belästigt dabei aber nicht, wie ich jetzt bemerke. Es scheint, als unterhielte er sich mit einem imaginären Freund, einem sehr guten Freund, in dessen Nähe er sich wohlfühlt. Er lächelt viel und legt eine Menge Charme in seine Mimik und Betonung. Ich sehe und höre ihm gerne zu, fällt mir auf. Der Mann ist Mitte 50 und ne echt Kölsche, einer der netten, liebenswerten.

Er erklärt seinem unsichtbaren Gegenüber nun etwas, das Leben, wie mir scheint. "Eins und eins ist eins" sagt er tiefgründig. - Das aber kommt ihm selbst falsch vor, wie eine Pause verrät und er schiebt "Zwei mal zwei ist vier" hinterher, was sicher ebenfalls ein Unfall ist. Schließlich höre ich noch "Jeder braucht Wärme und Geborgenheit." Er sagt es so, dass ich ihm innerlich zustimme. Dann gehts wieder leiser weiter.

Ich verstehe nur Fetzen und manchmal nicht mal das, aber ich schaue gebannt zu, fasziniert von seiner Inszenierung.

Plötzlich greift er beherzt in seinen Jackenausschnitt und zieht etwas ruckartig hervor, das ich nicht erkennen kann, weil es so dunkel wie die Jacke ist, die er trägt. Es scheint sich aber um ein Stofftier zu handeln; denn er hält es stolz direkt vor sein Gesicht und spricht voller Emotionen zu ihm, wie es Erwachsene bei Babys tun, wenn sie diese näher an sich ranziehen und "Du süßer Schatz, du" sagen oder ähnliches. Ich glaube, es gab auch den finalen Kuss. Dann lässt er es los. Ich gucke, wo es hingefallen ist, da liegt aber nichts. Ich schaue wieder zurück auf ihn und ... mir stockt der Atem ...: Eine große braune, gemeine Kölner Ratte klettert da gerade wieder zurück in die Jacke des Mannes.

Ich und ca. 20 weitere Fahrgäste sind jetzt erstarrt. An der nächsten Haltestelle, die wir gerade erreichen, steigt der Obdachlose aus. 20 Augenpaare heften an ihm. Eine Weile ist es noch ganz still. Dann lacht ein junger Mann. Die anderen bleiben sprachlos.

Was für eine große Vorstellung!

Ute Ziemes, privat.utez.de,

Montag, 4. Januar 2016

Kunstverstand (1979/1980)

Als ich jung war, ging mein Rudel in eine ländliche Kunstausstellung.

Nicht, dass ich gewusst hätte, worum genau es sich handeln würde und auch den Grund für das Interesse, das zu diesem Ausflugsziel führte, kannte ich nicht. Ich ging einfach mit. Bei Rudelausflügen hatte ich meist am Ende mindestens einen kleinen Erlebnisfisch im Netz. Das war mein Motiv.

Der Künstler hatte regionale Landschaftsausschnitte mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt. Und zwar, wie üblich altbacken. Das war's ich hätte gehen können. Aber das Rudel blieb. Irgendein Leittier hatte da wohl was zu tun. Sicher ging's um Kumpelei oder Liebe. Ich musste mich beschäftigen.

Also guckte ich mir mal Ölbilder aus der Nähe an. Dieses Ölzeugs bestand aus so einer ehemals breiigen Pampe, die wohl lange gebraucht hatte, bis sie trocken war. Am liebsten hätte ich sie mal angefasst, aber ich durfte das Bild sicher nicht berühren, also bemühte ich umso mehr meine Augen und Nase, um mit ihnen auch zu fühlen. Die Masse war dick, ja manchmal sogar als Haufen, als scheinbar chaotisch vielfarbiger Haufen aufgetragen. Das hatte ich von weitem gar nicht sehen können. Von dort aus erschien mir die Stelle flach und sah aus wie eine einzige Farbe. Das war verblüffend. Wie konnte der Hersteller ahnen, wie das auf Entfernung wirken würde und wie konnte er es ...

"Entschuldigen Sie, Sie scheinen davon etwas zu verstehen, ...", sprach mich jemand erwartungsvoll von der Seite an. Als ich aufsah, erkannte ich den Maler höchstpersönlich. Er hatte seine gut situierten Gönner einfach mitten im Gespräch am anderen Ende des Raumes stehen lassen. Er war es leid nur kultiviert zu plänkeln, mit den immer gleichen Liebtuern. Er brannte darauf, sich endlich mal wirklich auszutauschen, mit einer Expertin, einer Eingeweihten, einer Werterkennerin, einer Seherin. Ich schien seine Rettung zu sein.

Tja, was soll ich sagen ... Ich war sehr jung, ich war klein, ich war arm, ich stand da in gehobener Atmosphäre quasi in Lumpen, ich hatte von nichts eine Ahnung und fühlte mich von einem glitzernden Fisch gebissen.

Ute Ziemes, privat.utez.de,

Montag, 7. Dezember 2015

Tsunami (1970)

In meiner Kindheit fuhren wir in manchen Sommern nach Holland. Einmal, schätzungsweise 1970, gab es da einen Mini-Tsunami. Da hatte sich das Wasser zuerst ungewöhnlich weit zurück gezogen und dann kam es mit haushohen Wellen und ungewohnter Wucht irgendwann zurück. Der ganze (sonst sehr breite) Strand war da plötzlich weg und alle waren auf die Dünen zurück gedrängt. Eine handvoll großer, besonders kräftiger Männer stürzte sich dennoch wagemutig in die Fluten. Ich schaute sehnsuchtsvoll dabei zu. Meine Mutter zu mir: "Geh doch auch rein." Ich war noch in einem Alter, in dem man glaubt, dass man alles kann, was man ausdrücklich erlaubt bekommt, besonders von der Mutter. Ich wunderte mich zwar, weil ich selbst das anders eingeschätzt hatte... Aber nun ging ich rein. Doch schon die erste Welle machte mit mir Fliegengewicht, was sie wollte. Ich wurde unter Wasser gedrückt, dort rumgewirbelt und ewig lang mit dem Gesicht über den Muschelsplitterboden geschleift und drohte zu ertrinken. Ich habe mich nur mit Mühe befreien können. Ich sah dann schlimm aus. Meine Mutter hatte aber keinerlei Not bemerkt und erzählte noch lange stolz davon, dass nur die Stärksten in's Meer gegangen wären - und ich. Ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass ich mich nur auf meine eigenen Einschätzungen verlassen konnte.



Ute Ziemes, privat.utez.de,

Freitag, 18. Juli 2014

Erdbeben (1992)

In der Nacht vom 12. auf den 13. April 1992 übernachtete ich (31) bei meiner damaligen Freundin. Ihre Wohnung lag im dritten Stock in der Innenstadt Kölns. Ich schlief separiert von ihr im Wohnzimmer, weil ich damals nervtötend mit den Zähnen knirschte.

Mitten aus dem Tiefschlaf weckte mich etwas. Alles wackelte - das Haus - und zwar heftig und unaufhörlich. Ich begriff, dass das ein Erdbeben war. Ich lag mit einem unangenehmen Gefühl in der Magengrube, das Folge der umgehenden Schlussfolgerung war, dass jetzt sonstwas passieren und ich nichts dagegen tun konnte, still da und beobachtete angespannt die Bewegungen des Hauses.

Meine Freundin kam in's Zimmer gestürmt. "Was ist das?" rief sie. Ich: "Ein Erdbeben." Sie: "Und warum kommst du nicht sofort rüber zu mir, wenn du feststellst, dass gerade die Welt untergeht?" Auf die Idee, dass ich nicht alleine bin, wäre ich wohl erst nach einer ganzen Weile gekommen. Ich fand es aber schön, dass sie jetzt da war. Mittlerweile wackelte nun auch nichts mehr.

Später erfuhren wir, dass das Epizentrum des Erdbebens in Roermond war, dass seine Stärke rund 6 war und es 15 Sekunden gedauert hatte und, dass es etliche Verletzte und viele Schäden an Gebäuden und am Erdreich gegeben hatte. Ich habe zusätzlich allerhand Risse in Häusern gesehen, die vorher nicht da waren, aber um die sich offenbar niemand Sorgen machte. Ich sehe aber noch heute, dass sie sich weiterentwickeln.

Links dazu:



Ute Ziemes, privat.utez.de,

Montag, 14. Juli 2014

Schicksalsbus (1964)

Als ich ca. 3 war, war meine Mutter im Krankenhaus und mein Vater machte sich mit uns Schwestern (damals drei) auf den Weg dorthin, um sie zu besuchen. Da wir an der Bushaltestelle sitzend auf den Bus warten mussten, erzählte mein Vater uns eine Geschichte zum Zeitvertreib. Als der Bus kam, war er noch nicht fertig mit seiner Erzählung und meine älteste Schwester bekniete ihn, die Geschichte zuende zu erzählen.

Im Bus selbst war es damals üblich, dass man nicht redete, also musste mein Vater entscheiden, ob wir diesen Bus nehmen oder er die Geschichte zuende erzählt. Er entschied sich für die Geschichte.

Als wir dann später im nächsten Bus saßen (Bild von einem Mönchengladbacher Bus der 1960er) und nach einer Weile nicht mehr weit vom Krankenhaus entfernt waren, war plötzlich die Straße gesperrt. Es hatte einen schweren Verkehrsunfall gegeben. Der Bus, den wir nicht genommen hatten, war verunglückt. Es gab Schwerverletzte und Verletzte, hieß es.

Über eine Umleitung gelangten wir schließlich zum Krankenhaus. Dort lagen überall schmerzleidende und blutende Verletzte des Unfalls auf den Fluren. Dabei hatte man uns extra ein Seitentreppenhaus nehmen lassen, aber selbst da, standen Betten mit Verletzten auf jedem Absatz. Ich erinnere mich gut an eine Frau, die offenbar eine Ladung kleiner Glassplitter in's Gesicht geschleudert bekommen hatte.

Als wir endlich bei meiner Mutter ankamen, fanden wir sie völlig aufgelöst und Tränen überströmt vor. Wir hatten ja mit diesem verunglückten Bus kommen wollen und deshalb hatte sie angenommen, dass wir mit zu den vielen Verletzten gehörten, die im Krankenhaus eingeliefert worden waren. Sie konnte noch lange gar nicht aufhören zu schluchzen, weil der Schock ihr so tief in die Knochen gefahren war.

Tja, heute würde meine Mutter uns über Handy angerufen haben, um zu testen, ob sie sich überhaupt Sorgen machen muss und heute würde mein Vater meine Mutter sofort angerufen haben, nachdem er vom Unfall erfahren hatte, um Entwarnung zu geben. Aber heute wären wir auch in den Unglücksbus gestiegen; denn Reden im Bus ist ja kein Tabu mehr.

So aber haben mein Vater, meine Schwester und ein Tabu unsere Leben und Unversehrtheit gerettet.

Ute Ziemes, privat.utez.de,